Aktuelles aus der Fachliteratur

Scand J Rheumatol 29: 302-7, 2000

Diet therapy for rheumatoid arthritis
Diätetische Therapie bei rheumatoider Arthritis

P. Sarzi - Puttini, D. Comi, L. Boccassini et al.


Zusammenfassung

Ziel der Studie war es, den Effekt einer Diättherapie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) zu beurteilen. Dazu nahmen 50 RA - Patienten an einer 24 wöchigen doppelt blinden, randomisierten und kontrollierten Studie mit zwei verschiedenen Diäten teil (eine experimentelle Diät reich an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, niedrig an gesättigten Fettsäuren mit hypoallergener Nahrung vs. eine kontrollierte ausgewogene Diät). Der primäre Endpunkt war eine 20 und 50% Verbesserung der Krankheitsaktivität entsprechend dem Paulus - Index, der sich aus verschiedenen Symptomen der RA zusammensetzt. Andere Endpunkte waren sonstige Messungen der Krankheitsaktivität nach 12 und 24 Wochen. Der Prozentsatz der Patienten mit globaler 20% oder 50% Verbesserung unterschied sich nach 24 Wochen nicht zwischen den beiden Gruppen. Auch wenn die experimentelle Gruppe bei allen betrachteten Variablen günstiger lag, erreichten nur 4 Variablen (Ritchie's Index, Zahl der geschwollenen und druckschmerzhaften Gelenke und BSG) eine statistische Differenz bei der multivariaten Analyse. Wenn diese Daten auf die Gewichtsveränderung bezogen wurden, blieben Unterschiede bei der Zahl der druckschmerzhaften Gelenke (p=0,014) und BSG (p=0,025) statistisch signifikant.

Diätetische Manipulationen, entweder als modifizierende Nahrungsergänzung oder als Gewichtsreduktion kann gewissen klinischen Benefit bringen, auch wenn eine signifikante Verbesserung bezogen auf einen symptomdefinierten Index nicht beobachtet werden konnte.

Hintergrund: Eine beobachtete klinische Verbesserung durch eine Ausschlussdiät lässt eine mögliche Rolle von verschiedenen Nahrungsantigenen bei den Schwankungen der RA - Krankheitsaktivität vermuten. Es gibt Hinweise auf einen möglichen positiven Einfluss durch vermehrte Zufuhr von n - 3 Fettsäuren zugunsten von n - 6 Fettsäuren. Der Fettsäuregehalt in Geweben und Serumlipiden sowie der Prostaglandinmetabolismus ist weitgehend abhängig von dem Gehalt und den Arten von Fettsäurevorstufen in der Nahrung.

Methodik: Während der Studiendauer durfte eine bestehende antirheumatische medikamentöse Therapie nicht geändert werden (nichtsteroide Antirheumatika -NSAR-, krankheitsmodifizierende Medikamente -  DMARD  -, Glukokortikoide). Der Energiegehalt beider Diäten lag zwischen 1400 und 2000kcal, um das Idealgewicht zu erreichen. Als hypoallergene Nahrungsmittel waren Reis, Mais, hydrolysierte Milch, frische Ananas und gekochte Äpfel erlaubt. Weißmehl, Eier, Milch, Erdbeeren, saure Früchte, Tomaten, Schokolade, Trockenfrüchte, Krustentiere, Dosennahrung, aromatisierende Pflanzen sowie Molkereiprodukte waren verboten. Nur 3x /Woche waren rotes oder weißes Fleisch (Pferd, Lamm oder Kaninchen, Truthahn) erlaubt. In beiden Diäten wurde Olivenöl (reich an einfach ungesättigten Fetten) verwendet. Die Kontrolldiät hatte ein Verhältnis 1:1 ungesättigte/gesättigte Fettsäuren, die experimentelle Diät 2:1.

Resultat: 43 Patienten beendeten die Studie. Im Vergleich der Gruppen verbesserten sich alle klinischen Parameter moderat in der experimentellen Gruppe, aber nur die Abnahme der druckschmerzhaften Gelenke bezogen auf die Veränderung des Body Mass Index (BMI) war statistisch signifikant. Eine statistische Differenz erzielten drei klinische Parameter in der multivariaten Analyse: Ritchie's index, Zahl der geschwollenen und druckschmerzhaften Gelenke. Der HAQ (Health Assessment Questionnaire) sowie der Paulus - Index zeigten keine Differenz. Der BSG - , jedoch nicht der CRP - Rückgang in der experimentellen Gruppe war bezogen auf den BMI signifikant. In beiden Gruppen äußerten die Patienten ein positives Urteil über den klinischen Effekt der Diäten.

 

Kommentar

Patienten stellen - unabhänigig von der vorliegenden Erkrankung - häufig die Frage, was sie denn selbst tun können, um die Krankheit zu lindern. Damit meinen sie überwiegend die Ernährung. Nicht wissenschaftlich fundierte Antworten findet der Patient im Bekanntenkreis oder in der Laienpresse, wo er mit einer Vielzahl von Diätangeboten und  empfehlungen konfrontiert wird. Im Gegensatz zum mehr schulmedizinisch orientierten Arzt kann sein Kollege mit Erfahrungen auf dem Gebiet der Alternativ - /Erfahrungsmedizin das Interesse des Patienten für Belange der Ernährung umfangreicher bedienen. Die wissenschaftliche Erforschung von Ernährungstherapie steckt in den Anfängen. Themen wie spezifische Nahrungsmittelantigene, Histamingehalt von Fleisch, endogene Histaminfreisetzung durch Nahrungsallergene, Darmflora, Eliminationsdiät, Fasten, Verhältnis Omega - 3 /Omega - 6 Fettsäuren, Verhältnis von gesättigten zu einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Übergewicht, Vitamin - , Mineralstoff -  und Spurenelementversorgung weisen auf die Komplexität der Auswirkung von Ernährung auf den Stoffwechsel und die Entzündungskaskade bei entzündlichen Erkrankungen hin.

Die vorliegende italienische Studie vermengt im Ansatz drei verschiedene Aspekte von Diäten: die Elimination von potenziellen Nahrungsantigenen oder  allergenen, die Gewichtsreduktion sowie die Veränderung der Fettsäurezusammensetzung. Vielleicht liegt darin sowie in der Tatsache, dass keine Kontrollgruppe ohne Veränderung der Ernährungsgewohnheiten untersucht wurde, der Grund in den insgesamt wenig aussagekräftigen Ergebnissen.

Es bleibt eine Aufgabe der wissenschaftlichen Medizin, Aspekte der Ernährungsmedizin in der Ausbildung der Mediziner und in der Forschung mehr zu berücksichtigen als bisher, um auch diesen Bereich neben einer optimalen medikamentösen und physikalischen Therapie abdecken zu können. Derzeit kann RA - Patienten geraten werden, auf eine Verstärkung von Krankheitssymptomen bei Verzehr bestimmter Nahrungsmittel zu achten und diese zu meiden, Übergewicht zu reduzieren, auf eine ausreichende Zufuhr von Kalzium und Vitamin D (z.B. UV - Bestrahlung) zu achten sowie sich bei der Zusammensetzung einer ausgewogenen Kost z.B. an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu orientieren.

 

Dr. Schönball, OA
Rheumaklinik Bad Wurzach

 

© Rheumazentrum Württemberg November 2001 · Alle Rechte vorbehalten · Impressum